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Die doppelte Rechtfertigungsstruktur im EU-Recht
die Grundrechtecharta zwischen autonomer Grundrechtskontrolle und Verschränkung mit den Grundfreiheiten
Stefan Prossegger
Art der Arbeit
Master-Thesis (ULG)
Universität
Universität Wien
Fakultät
Postgraduate Center
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
außerordentliches Masterstudium Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht (LL.M.) [Berufsbegleitend Deutsch]
Betreuer*in
Siegfried Fina
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.81174
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-14690.35650.244035-1
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Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Diese Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen den Grundfreiheiten des Binnenmarktes und den Regelungen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (GRC) im Lichte der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH). Ausgangspunkt ist die These, dass sich seit dem Inkrafttreten der GRC als verbindliches Primärrecht eine doppelte Rechtfertigungsstruktur herausgebildet hat: Beschränkungen wirtschaftlicher Freiheiten müssen nicht nur den binnenmarktrechtlichen Anforderungen des AEUV genügen, sondern zugleich den Schranken des Art 52 Abs 1 GRC entsprechen. Die Arbeit analysiert diese doppelte Rechtfertigungsstruktur dogmatisch und rekonstruiert ihre Entwicklung anhand zentraler Leitentscheidungen sowie der prozessualen Divergenz zwischen Vorabentscheidungs- und Vertragsverletzungsverfahren. Im Zentrum steht die Frage, ob die GRC lediglich eine formale Parallelprüfung darstellt oder eine eigenständige Rechtfertigungsebene begründet. Die Untersuchung zeigt, dass die Grundrechtecharta die Grundfreiheitenprüfung nicht ersetzt, sondern um eine eigenständige Prüfungsebene ergänzt, deren tragende Strukturelemente – Wesensgehaltsgarantie und grundrechtsspezifisch variable Verhältnismäßigkeitsprüfung – über die AEUV-Dogmatik hinausgehen. Ergänzend variiert der EuGH die Kontrolldichte grundrechtsspezifisch: Bei personalen Grundrechten intensiviert er die Prüfung erheblich über die Gebhard-Formel hinaus, bei wirtschaftlichen Grundrechten bleibt sie weitgehend ergebniskonvergent mit der AEUV-Prüfung. Die fallgruppenbezogene Analyse bestätigt dieses Strukturmodell in differenzierter Weise. In sämtlichen untersuchten Verschränkungsfällen mit den Grundfreiheiten konvergiert das Gesamtergebnis; eine Konstellation, in der eine Maßnahme allein an der GRC-Prüfung scheitert, hat sich bislang nicht ergeben. Diese Ergebniskonvergenz ist jedoch nicht als bloße Verdopplung zu verstehen, da die GRC eigenständige materielle Anforderungen hervorbringt, die auf AEUV-Ebene kein Gegenstück haben. Die Sichtbarkeit der zweiten Prüfungsebene hängt zudem von der Verfahrenskonstellation ab.
Abstract
(Englisch)
This thesis examines the relationship between the fundamental freedoms of the internal market and the provisions of the Charter of Fundamental Rights of the European Union (CFR) in light of the case law of the Court of Justice of the European Union (CJEU). The starting point is the thesis that, since the entry into force of the CFR as binding primary law, a dual structure of justification has emerged: restrictions on economic freedoms must not only satisfy the internal market requirements of the TFEU, but must also comply with the conditions laid down in Article 52(1) CFR. The thesis analyses this dual structure of justification from a doctrinal perspective and reconstructs its development on the basis of key landmark decisions as well as the procedural divergence between preliminary ruling and infringement proceedings. The central question is whether the CFR merely constitutes a formal parallel review or establishes an independent tier of justification. The analysis shows that the CFR does not replace the review of fundamental freedoms, but supplements it with an autonomous layer of review whose key structural elements—the guarantee of the essence of fundamental rights and a proportionality test tailored to the specific right—go beyond TFEU doctrine. In addition, the CJEU varies the intensity of scrutiny depending on the specific fundamental right: in the case of personal fundamental rights, it significantly intensifies its review beyond the Gebhard formula, while in the case of economic fundamental rights the review remains largely convergent in outcome with the TFEU analysis. The case-group analysis confirms this structural model in a nuanced manner. In all examined cases involving the interplay with the fundamental freedoms, the overall outcome converges; a scenario in which a measure fails solely under CFR review has not yet arisen. However, this convergence of outcomes should not be understood as mere duplication, as the CFR gives rise to independent substantive requirements that have no counterpart at the TFEU level. The visibility of the second tier of review further depends on the procedural setting.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Grundrechtecharta GRC EU-Grundrechtecharta Grundfreiheiten Doppelte Rechtfertigungsstruktur Doppelte Rechtfertigungsprüfung Verhältnismäßigkeit Verhältnismäßigkeitsprüfung Wesensgehalt Art 51 Abs 1 GRC Art 52 Abs 1 GRC Anwendungsbereich der Charta Praktische Konkordanz Kontrolldichte Binnenmarktrecht Gebhard-Formel Schrankenprüfung Schranken-Schranke Konvergenzthese Vorabentscheidungsverfahren
Autor*innen
Stefan Prossegger
Haupttitel (Deutsch)
Die doppelte Rechtfertigungsstruktur im EU-Recht
Hauptuntertitel (Deutsch)
die Grundrechtecharta zwischen autonomer Grundrechtskontrolle und Verschränkung mit den Grundfreiheiten
Paralleltitel (Englisch)
The dual justification structure in EU law
Paralleluntertitel (Englisch)
the charter of fundamental rights between autonomous fundamental rights control and interplay with fundamental freedoms
Publikationsjahr
2026
Umfangsangabe
96 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Siegfried Fina
Klassifikationen
86 Recht > 86.45 Grundrechte ,
86 Recht > 86.86 Europarecht. Allgemeines
AC Nummer
AC17892104
Utheses ID
80708
Studienkennzahl
UA | 999 | 082 | |
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