Detailansicht

Assembling the fusion future
technoscientific promises and justificatory practices in ITER
Masafumi Nishi
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Sozialwissenschaften
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Science-Technology-Society
Betreuer*in
Ulrike Felt
Volltext in Browser öffnen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.81803
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-16496.79696.209463-9
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Diese Studie untersucht, wie das ITER-Projekt (International Thermonuclear Experimental Reactor) durch Rechtfertigungspraktiken konstruiert wird, die technowissenschaftlichen Erwartungen und Versprechungen gerecht werden. Auf der Grundlage von Interviews, Feldforschung, Dokumenten- und Medienanalysen sowie einer neu-materialistischen Betrachtungsweise analysiert die Studie das Projekt als eine megatechnowissenschaftliche Assemblage, die sich aus Narrativen, Agenden, Materialien, Institutionen und Ressourcen zusammensetzt. Anstatt ITER als ein singuläres technisches Objekt zu behandeln, zeigt die Untersuchung, wie seine Legitimität kontinuierlich durch materiell-diskursive Praktiken erzeugt wird, die zukunftsorientierte Versprechen mit vergangenen und gegenwärtigen institutionellen, technischen und geopolitischen Arrangements in Einklang bringen. In diesem Sinne wird ITER nicht lediglich durch Rechtfertigungen von außen gestützt, sondern aktiv durch diese konstituiert. Die empirische Analyse gliedert sich in verschiedene Dimensionen legitimierender und versprechender Praktiken: Planung, Konstruktion und Überarbeitung. Mit besonderem Fokus auf die europäische öffentliche Fusionsforschung und -entwicklung (F&E) zeigt die empirische Analyse, wie die Glaubwürdigkeit und Legitimität von ITER durch wiederkehrende Akte der Anpassung, Neuformulierung und Neukonfiguration als Reaktion auf Verzögerungen, Fragilität und Kontroversen konstruiert und aufrechterhalten werden. Zukunftsorientierte Dokumente wie das ITER-Übereinkommen, die ITER-Baseline und die EUROfusion-Roadmap beschreiben nicht nur die Ziele des Projekts, sondern schaffen aktiv Legitimität, indem sie Unsicherheit durch Meilensteine, Teilergebnisse und Roadmaps in kontrollierten Fortschritt umwandeln. Zwar wendet die Studie die Wertordnungen von Boltanski und Thévenot (2021) nicht systematisch an, doch zeigt sie, dass ITER durch mehrere sich überschneidende Bewertungslogiken gerechtfertigt wird, insbesondere durch Appelle an die gemeinsame Menschlichkeit, die gemeinsame Würde, das Gemeinwohl, den industriellen Fortschritt, die Neuartigkeit und die wissenschaftliche Notwendigkeit, während es scheinbar widersprüchliche Rechtfertigungslogiken einbezieht. Praktiken der Angleichung und Abgrenzung bei der Aushandlung von Grenzen sind entscheidend für die Stärkung der Legitimität. Die Studie schließt mit drei miteinander verknüpften Themenbereichen der Rechtfertigung: die integrierte Zeitlichkeit und Räumlichkeit, der „ITER-Fusions-Exzeptionalismus“ sowie der Optimismus und Imperativ der ITER-Fusion. Erstens wird gezeigt, dass ITER innerhalb eines weitreichenden zeitlichen und räumlichen Horizonts operiert und dabei internationale Zusammenarbeit, europäische Fusionsforschung und -entwicklung sowie die prognostizierten Zukunftsvisionen kommerzieller Fusionsenergie miteinander verbindet. Diese langfristige und weitreichende Konfiguration ist nicht bloß ein neutrales Merkmal von ITER, sondern wird aktiv genutzt und eingesetzt, um die Legitimität des Projekts aufrechtzuerhalten. Zweitens entsteht der „ITER-Fusions-Exzeptionalismus“ durch eine Abgrenzung, die die Fusion von Kernspaltung, fossilen Brennstoffen, erneuerbaren Energien und privaten Fusionsvorhaben unterscheidet und das Projekt gleichzeitig sowohl mit wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit als auch mit radikaler Neuartigkeit verknüpft. Drittens wird ITER durch eine starke Versprechungslogik gestützt, in der die Fusion als zukünftige Notwendigkeit für die Menschheit dargestellt wird, wodurch Optimismus zu einem Imperativ wird, der eine potenzielle Herausforderung für das Gemeinwohl kritisiert. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Wissenschafts- und Technikforschung, indem sie aufzeigt, dass technowissenschaftliche Versprechen (van Lente, 2000) nicht nur diskursive Aussagen über die Zukunft sind, sondern durch heterogene Akteure, Infrastrukturen und Reparaturpraktiken aufrechterhalten werden, die ein langfristiges und ungewisses Projekt stabil genug erscheinen lassen, um fortgeführt zu werden. ITER bietet somit ein Beispiel dafür, wie Zukünfte in der Gegenwart durch das Abgeben von Versprechen, das Setzen von Meilensteinen und kontinuierliche Legitimierung aktiv produziert werden. Im Fall von ITER untergraben die Fragilität und Unsicherheit des Projekts nicht unbedingt dessen Legitimität, sondern wirken vielmehr als verstärkender Mechanismus.
Abstract
(Englisch)
This thesis examines how the ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) project is assembled through justificatory practices that satisfy technoscientific expectations and promises. Drawing on interviews, fieldwork, document and media analysis, and an approach to ITER through a new materialist lens, the thesis analyses the project as a mega-technoscientific assemblage composed of narratives, agendas, materials, institutions, and resources. Rather than treating ITER as a singular technical object, the research shows how its legitimacy is continuously produced through material-discursive practices that align future-oriented promises with past- and present-day institutional, technical, and geopolitical arrangements. In this sense, ITER is not merely supported by justification from the outside, but actively constituted through it. The empirical analysis is organised around different dimensions of justificatory and promissory practices: planning, constructing, and reworking. With a particular focus on the European public fusion research and development (R&D), the empirical analysis shows how ITER’s credibility and legitimacy are constructed and maintained through recurring acts of adjustment, rearticulation, and reconfiguration in response to delay, fragility, and controversy. Future-oriented documents such as the ITER Agreement, the ITER baseline, and the EUROfusion Roadmap do not merely describe the project’s aims but actively perform legitimacy by translating uncertainty into managed progress through milestones, deliverables, and roadmaps. While the thesis does not systematically apply Boltanski and Thévenot’s orders of worth (2021), it demonstrates that ITER is justified through multiple overlapping evaluative logics, especially appealing to common humanity, common dignity, common good, industrial progress, novelty, and scientific necessity, while embracing seemingly contradictory justification logics. Alignment and disalignment practices of negotiating the boundaries are essential for reinforcing legitimacy. The thesis concludes with three interconnected themes of justification: embraced temporality and spatiality, ITER-fusion exceptionalism, and ITER-fusion optimism and imperative. First, ITER is shown to operate across expansive temporal and spatial horizons, connecting international cooperation, European fusion R&D, and the projected futures of commercial fusion energy. This long-term, widely distributed configuration is not merely ITER’s neutral characteristic but is also actively used to keep the project legitimate. Second, ITER-fusion exceptionalism emerges through boundary work that differentiates fusion from nuclear fission, fossil fuels, renewables, and private fusion ventures, while simultaneously linking the project to both scientific credibility and radical novelty. Third, ITER is sustained by a strong promissory logic in which fusion is framed as a future necessity for humanity, thereby turning optimism into an imperative that criticises a potential challenge to the common good. The thesis contributes to Science and Technology Studies scholarship by showing that technoscientific promises (van Lente, 2000) are not only discursive claims about the future, but are sustained through heterogeneous actors, infrastructures, and repair practices that make a long-term and uncertain project appear stable enough to continue. ITER thus offers a case of how futures are actively produced in the present through promise-making, milestone-setting, and continuous legitimisation. In ITER’s case, the project's fragility and uncertainty do not necessarily undermine its legitimacy but instead serve as a reinforcing mechanism.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Kernenergie technisch-wissenschaftliches Versprechen Zukunft Begründung Kernfusion Kontroverse
Schlagwörter
(Englisch)
nuclear energy techno-scientific promise future justification nuclear fusion controversy
Autor*innen
Masafumi Nishi
Haupttitel (Englisch)
Assembling the fusion future
Hauptuntertitel (Englisch)
technoscientific promises and justificatory practices in ITER
Paralleltitel (Deutsch)
Die Zukunft der Kernfusion gestalten
Paralleluntertitel (Deutsch)
technowissenschaftliche Versprechen und Rechtfertigungspraktiken bei ITER
Publikationsjahr
2026
Umfangsangabe
ix, 136 Seiten : Illustrationen
Sprache
Englisch
Beurteiler*in
Ulrike Felt
Klassifikationen
02 Wissenschaft und Kultur allgemein > 02.10 Wissenschaft und Gesellschaft ,
02 Wissenschaft und Kultur allgemein > 02.13 Wissenschaftspraxis
AC Nummer
AC17988510
Utheses ID
82072
Studienkennzahl
UA | 066 | 906 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1