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(Er-)Leiden und Lernen in Migrationsbiografien
lateinamerikanische Migrantinnen in Österreich erzählen
Bettina Reiter
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
Betreuer*in
Reinhold Stipsits
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.9440
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29338.14123.169769-3
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Diese Diplomarbeit beschäftigt sich mit den Migrationsbiografien von vier Frauen, die aus unterschiedlichen Ländern Lateinamerikas nach Österreich emigriert sind. Diese Frauen verbindet, dass sie heute als Alleinerzieherinnen in prekären ökonomischen Bedingungen leben. Ihre Entscheidung zur Migration war mit bestimmten Plänen und Träumen, mit Erwartungen an ein Leben in Österreich verknüpft. Sie haben sich Aufstiegschancen, bessere Lebensbedingungen, bessere Zukunftsperspektiven für ihre Kinder erhofft. In Österreich sind sie in unterschiedlicher Weise mit Hindernissen und Grenzen, mit Erleidensprozessen und Enttäuschungen konfrontiert worden. In einem ersten theoretischen Teil wird der Blickwinkel definiert, von dem aus die Migrationsbiografien betrachtet werden. Migration wird als Risiko gedeutet, das die Chance beinhaltet, seine Biografie zu gestalten, aber auch die Gefahr von Kontrollverlusten und Erleidensprozessen mit sich bringt. Dieses Spannungsverhältnis wird mit dem Konzept der Verlaufskurve als Gegenprinzip zum biografischen Handlungsschema nach Schütze gefasst und zusätzlich mit dem Begriff der biografischen Lebensbewältigung nach Böhnisch verbunden. Schließlich werden biografische Erleidensprozesse aus pädagogischer Perspektive auch als Chancen betrachtet, die die Betroffenen auffordern, zu reagieren, zu antworten und ihnen damit Möglichkeiten bieten, durch Enttäuschungen zu lernen. In biografienanalytischen narrativen Interviews erzählen die vier Frauen, welcher Weg sie zu ihrer heutigen Lebenssituation geführt hat. Ihre Migrationsbiografien werden so genau wie möglich rekonstruiert. Dabei werden die Prozessstrukturen Verlaufskurve / biografisches Handlungsschema herausgearbeitet. Anschließend werden ihre Erzählungen auf biografische Lernprozesse, auf Momente dieser Lernprozesse durch Enttäuschungen hin untersucht. So zeichnet sich ab, dass Nicht-Wissen ein bedrohliches Verlaufskurvenpotential in Migrationsbiografien darstellt. Es schafft falsche Erwartungen, in denen Enttäuschungen fast vorprogrammiert sind und erschwert den Migrantinnen, sich im Zielland zurechtzufinden und dort an der Gesellschaft teilzuhaben, wie sie es sich wünschen würden. Um strenge Einreisebedingungen und die ökonomische Kluft zwischen Österreich und ihrem Herkunftsland zu überwinden, gehen sie Abhängigkeitsverhältnisse ein, die ihre biografische Handlungsfähigkeit einschränken und zu Erleidensprozessen führen. Der „lange Atem ihrer Herkunft“ begleitet sie, konfrontiert sie mit Grenzen und Ausschlussmechanismen, schränkt ihre Möglichkeiten am Arbeitsmarkt ein. Nach gescheiterten Beziehungen versuchen die Frauen heute zwischen ökonomischer und zeitlicher Armut, zwischen prekären Arbeitsverhältnissen und Betreuungspflichten für ihre Kinder ihren Alltag zu meistern. Aus ihren Träumen, ihre Biografie zu gestalten, ist eher der Versuch geworden, ihr Leben trotz aller Einschränkungen und weiterhin bedrohlicher Verlaufskurvenpotentiale zu bewältigen. Betrachtet man ihre Geschichten als Lernbiografien, so können darin auch wertvolle Anregungen darüber gefunden werden wie bzw. was Menschen durch Enttäuschungen lernen. Enttäuschungen regen zu Selbstreflexion an und tragen dazu bei, eigene Vorstellungen und Verhaltensweisen zu verändern. Sie zeigen einem die eigenen Grenzen, erweitern aber auch den Erfahrungshorizont und führen einen auf Umwege, die bereichernd sein können. Lernen durch Enttäuschungen kann als Bewältigungsstrategie betrachtet werden, um Leidvolles mit Sinn zu füllen und auch in biografischen Verlusten, in Unvorhergesehenem noch Gestaltungsmöglichkeiten zu finden. Dieses Lernen verläuft jedoch nicht widerstandslos und konfliktfrei. Emotionen erschweren das Verändern der eigenen Erwartungen und blockieren Lernprozesse. Enttäuschungen erschüttern das Vertrauen in die eigene biografische Handlungsfähigkeit und verunsichern. Gerade in Migrationsbiografien scheint das Umkehren, das Neuanfangen besonders schwierig. Schmerzvolle Erfahrungen lassen die Bereitschaft, radikale Entscheidungen zu treffen, biografische Risiken einzugehen und sich damit auch für neue Lernmöglichkeiten zu öffnen, sinken.
Abstract
(Englisch)
This diploma thesis deals with the migration biographies of four women who emigrated from different latinamerican countries to Austria. Today, all of them are single mothers and live in tenuous economic conditions. Their decision to emigrate was once linked to certain expectations they held as well as dreams and ambitious plans towards a better life in Austria. They hoped for economic advancement, improved living conditions and better prospects for their children’s future. But contrary to their expectations, life in Austria confronted them with many restrictions, obstacles and trajectories of suffering and disappointment. In the first, theoretical part of the thesis, the perspective of how to look at the given biographies is defined. Migration is regarded as a risk by those who embark upon it; that implies trajectories of suffering and the danger of losing control but equally includes the possibility of successfully creating one’s biography. This area of tension can be comprehended with Schütze’s concept of trajectories as counter-principle to biographical action schemes. Moreover, it is connected to Böhnisch’s term of biographical coping with life. Finally, biographical trajectories are examined from a pedagogical point of view which herwith regarded as opportunities challenging a reaction and thereby offer the people concerned possibilities to learn through disappointment. The four women’s life stories were retold by means of narrative interviews and their migration biographies reconstructed as detailed as possible. At the same time, the process structures “trajectory”/ “biographical action scheme” were being analyzed. Subsequently, their narrations were being examined with regard to learning processes enhanced by disappointment. It becomes apparent that the lack of knowledge causes a menacing potential for trajectories of suffering. It creates wrong expectations which inevitably lead to disappointment. Furthermore, a lack of knowledge makes it difficult to find one’s way in the target country and to fully participate in its society in the desired way. Migrants subject themselves to dependencies in order to overcome strict entry requirements and the economic gap between Austria and their country of origin. These dependencies restrict their biographical scope of action and cause personal suffering in different ways. Migrants are constantly accompanied by the “long breath of origin” which confronts them with limits that are mechanisms of exclusion and restricts their opportunities in the labour market. Between difficult working conditions and child care responsibilities due to broken relationships, the women try to master their daily lives between poverty and lack of time. The dream of independently shaping their biographies has rather merged into an attempt of mastering their lives in spite of all restrictions and potentials for trajectories that keep threatening. If their stories are to be regarded as learning biographies, then this research can provide valuable insights into the way we are able to learn through the experience of disappointment. Disappointment encourages reflection and therefore contributes to an alteration of gridlocked ideas and attitudes. It makes one aware of one’s own limits but equally extends one’s own horizon of experience and leads to enriching detours. Learning through disappointment and through biographical loss, can be seen as a coping strategy by means of creating opportunities for oneself and dealing effectively with unexpected situations thereafter. However, this kind of learning does not proceed without resistance and conflicts. Emotions make it difficult to change one’s own anticipations and block learning processes. Disappointments alienate and affect the confidence in oneself’s capacity of action in a negative way. Especially in migration biographies, returning and relearning seems to be very difficult. Painful experiences reduce the willingness to take radical decisions or biographical risks and to open oneself for new learning possibilities.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
migration biographie learn processes dissappointment single mothers Latinamerica
Schlagwörter
(Deutsch)
Migration Biografie Lernen Enttäuschung biografisches Lernen Alleinerzieherinnen Lateinamerika
Autor*innen
Bettina Reiter
Haupttitel (Deutsch)
(Er-)Leiden und Lernen in Migrationsbiografien
Hauptuntertitel (Deutsch)
lateinamerikanische Migrantinnen in Österreich erzählen
Paralleltitel (Englisch)
Suffering and Learning in migration biographies
Publikationsjahr
2010
Umfangsangabe
186 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Reinhold Stipsits
Klassifikationen
79 Sozialpädagogik > 79.17 Soziale Arbeit in Lebens- und Familienkrisen ,
79 Sozialpädagogik > 79.65 Lebenslanges Lernen
AC Nummer
AC08162724
Utheses ID
8510
Studienkennzahl
UA | 297 | | |
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