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Christus maxime amicus
die Freundschaft mit Jesus als Kurzformel christlicher Existenz
Andreas Schmidt
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Katholisch-Theologische Fakultät
Betreuer*in
Marianne Schlosser
DOI
10.25365/thesis.81618
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29898.52662.745062-5
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Sowohl in der wissenschaftlichen Theologie, in Exegese, Dogmatik, feministischer und spiritueller Theologie, wie auch in der pastoralen Praxis ist derzeit eine Renaissance des Freundschaftsbegriffs zu beobachten. Diese Entwicklung geht parallel zu einem neuen Interesse an der Freundschaft im gesellschaftlichen und soziologischen Bereich. Im aktuellen theologischen Diskurs wie auch in der pastoralen Verkündigung bleibt der Freundschaftsbegriff allerdings oft sehr allgemein und wenig konturiert. Eine vertiefte theologische Reflexion über Freundschaft als Relationsbegriff für die Gottes- bzw. Christusbeziehung erscheint daher als dringendes Desiderat. Zielsetzung dieser Dissertation ist es, durch eine Analyse des antiken philosophischen Freundschaftsbegriffs und der biblischen Verarbeitung desselben, sowie durch die Befragung der geschichtlichen Tradition die Freundschaft mit Jesus theologisch zu verorten und geistlich zu entfalten, und so einen Beitrag zu leisten zu einer theologisch reflektierten Spiritualität der Gottesfreundschaft, die sich heilsgeschichtlich in der konkreten Freundschaft mit Jesus im Hl. Geist realisiert.
Im 1. Teil (Grundlegung) wird zunächst der klassische Freundschaftsbegriff der griechisch-römischen Antike analysiert. Fünf Hauptmerkmale werden herausgearbeitet: Gleichheit, Freundschaftsliebe, das „vereinende Prinzip“, Vertrauen und Lebensgemeinschaft. Ein kurzer Blick wird auch auf die Frage der Möglichkeit einer Freundschaft mit Gott geworfen, die von den antiken Autoren unterschiedlich beantwortet wird. Eine Untersuchung des Freundschaftsbegriffs im Alten Testament zeigt, dass die Merkmale, die der Freundschaft zugeschrieben werden, weitgehend denen gleichen, die auch die heidnische Antike herausgearbeitet hat. Allerdings wird Freundschaft eindeutiger religiös verankert im „Bund“ mit Jahwe. Das Neue Testament bevorzugt die Rede von der „Brüderlichkeit“ und den Begriff der „Agape“ – die „Philia“ (Freundschaftsliebe) bleibt sprachlich nur ein Randphänomen. Dennoch wird insbesondere im Johannesevangelium der Freundschaftsbegriff zu einer zentralen Kategorie, um die Beziehung der Jünger zu Jesus zu bezeichnen. Auch in Lk, der Apg und der neutestament-lichen Briefliteratur werden zahlreiche Freundschaftstopoi aufgenommen, die das christliche Leben als ein Leben in Freundschaft mit Jesus charakterisieren.
Der 2. Teil der Dissertation befragt Autoren aus Antike, Mittelalter und Neuzeit, die sich in besonderer Weise dem Thema der Christusfreundschaft gewidmet haben. In der Antike zeigen v.a. die griechisch schreibenden Autoren Interesse am Philia-Begriff: Eingeführt in die Theologie wurde er von IRENÄUS VON LYON. Bei CLEMENS VON ALEXANDRIEN gelangt er zu einer ersten Entfaltung: Gottesfreundschaft wird hier als Zielpunkt des geistlichen Weges und höchste Gotteseinung gesehen. CLEMENS’ Schüler ORIGENES fundiert die Gottesfreundschaft biblisch und spricht als erster von der „Freundschaft mit Jesus“. Die sowohl durch die theologische Durchdringung wie durch die spirituelle Entfaltung herausragenden Ausführungen zur Christusfreundschaft von JOHANNES CHRYSOSTOMUS bilden – was bisher in der theologischen Forschung so nicht gesehen wurde – den Höhepunkt der antiken Literatur zu diesem Thema. Im lateinischen Bereich wird das Freundschaftsmotiv zwar auch aufgenommen, bleibt aber mehr am Rande. Am ausführlichsten und theologisch reflektiertesten schreibt AUGUSTINUS darüber, weitere Ausführungen finden sich bei HIERONYMUS, AMBROSIUS, LEO DEM GROßEN und GREGOR DEM GROßEN.
Im Mittelalter gelangen sowohl Theologie wie Spiritualität der Christusfreundschaft zu einem weiteren Höhepunkt. In der zisterziensischen Spiritualität spielt die affektive Beziehung zum Menschen Jesus eine große Rolle, und so wird der Boden für ein vertieftes Verständnis der Freundschaft bereitet. Bei BERNHARD VON CLAIRVAUX steht zwar das Brautparadigma im Vordergrund, er nimmt allerdings vielfältige Freundschaftstopoi in seine Brautmystik auf. AELRED VON RIEVAULX formuliert eine ausführliche Synthese der christlichen Freundschaftslehre, in der auch die Beziehung zu Christus als Freund anspricht. Zur Blüte kommt der Freundschaftsbegriff sowohl in der dominikanischen wie auch franziskanischen Theologie und Spiritualität. Während THOMAS VON AQUIN den Akzent auf die Gottesfreundschaft im Heiligen Geist legt, tritt bei BONAVENTURA die Christusbeziehung in den Vordergrund. WILHELM PERALDUS und SERVASANCTUS VON FAENZA werden als Beispiele dafür angeführt, wie die Christusfreundschaft auch Thema der volkstümlichen Verkündigung war. RAMON LLULL unterscheidet sich von anderen mittelalterlichen Autoren durch die poetische Verarbeitung des Freundschaftsmotivs in einem eigenen Werk und durch seine enge Verbindung zum arabischen Kulturkreis. Mit GERTRUD VON HELFTA wird auch der Beitrag einer mittelalterlichen Frau zur Freundschaftsthematik beleuchtet. THOMAS VON KEMPEN hat in seiner Nachfolge Christi beträchtlichen Einfluss auf die christliche Spiritualität ausgeübt, nicht zuletzt auf die Freundschaftsspiritualität. MEISTER ECKHART deutet den Freundschaftsbegriff ganz im Kontext seiner spekulativen Mystik der Gottesgeburt in der menschlichen Seele. In der Bewegung der Gottesfreunde des 14. Jahrhunderts wird zwar der Begriff „Gottesfreund“ häufig benutzt; Freundschaft wird allerdings als Beziehungskategorie nicht näher in den Blick genommen.
In der Neuzeit werden noch vier weitere Autoren untersucht: TERESA VON AVILA, für die die Menschheit Jesu eine besondere Rolle spielt, und die das gesamte Gebetsleben von der Christusfreundschaft her definiert; MARTIN LUTHER, und in dessen Nachfolge der schlesische Pfarrer SIGISMUNDUS SUEVUS, der als Beispiel für die protestantische Aufnahme des Freund-schaftsbegriffs dargestellt wird; schließlich CLAUDE LA COLOMBIÈRE, der noch einmal eine dichte Summe der Christusfreundschaft formuliert hat.
Hier endet der spiritualitätsgeschichtliche Durchgang, da in den nachfolgenden Jahrhunderten der Freundschaftsbegriff eine untergeordnete Rolle spielt, bis im 20. Jahrhundert das Interesse wieder neu erwacht.
Im Schlussteil der Dissertation werden die Ergebnisse der philosophischen, biblischen und theologiegeschichtlichen Untersuchung im Dialog mit aktuellen Fragestellungen in Form von 12 Thesen zusammengefasst:
1. Der Freundschaftsbegriff ist in besonderer Weise geeignet, den Wesenskern der christlichen Botschaft verständlich zu machen.
2. Jesus ist HERR und Freund. Die Wahrung beider Dimensionen der Christusbeziehung ist notwendig, um dem Geheimnis der hypostatischen Union von göttlicher und menschlicher Natur in der Person Christi gerecht zu werden.
3. Die Freundschaft mit Jesus ist im vollen anthropologischen Sinngehalt des Wortes zu verstehen, nicht bloß als Analogie.
4. In der Freundschaft mit Jesus finden sich der gesamte innere Gehalt und alle Wesensmerkmale menschlicher Freundschaft. Gleichzeitig gewinnen diese aufgrund der menschlichen und göttlichen Natur Jesu eine einzigartige und spezifische Ausprägung.
5. Die Freundschaft mit Jesus zieht sich als geistliches Motiv durch die gesamte Spiritualitätsgeschichte, kommt aber in manchen Epochen zu besonderer Entfaltung.
6. Die Verkündigung der Freundschaft mit Jesus kann an das Freundschaftsverständnis unserer Zeit anknüpfen, muss jedoch auch hermeneutische Hilfestellungen geben.
7. Ekklesiologisch muss der Freundschaftstitel in Zusammenhang mit den anderen christologischen Titeln gesehen werden.
8. Das Kreuzesgeschehen kann im Horizont der Freundschaftsthematik als Lebenshingabe für die Freunde verstanden werden. Dies kann den Opferbegriff nicht ersetzen, aber ergänzen und vor Missverständnissen bewahren.
9. „Freundschaft mit Christus“ steht nicht für eine rein individuelle Spiritualität, sondern umfasst auch eine kommunitäre, soziale und missionarische Dimension.
10. Die Freundschaft mit Christus ergänzt das Paradigma der Brautschaft und birgt Chancen für eine spezifisch männliche Spiritualität.
11. Die Christusfreundschaft kann als Kern priesterlicher Spiritualität gesehen werden.
12. Nur in Christus ist die Vollkommenheit der Freundschaft zu finden und von ihm kommt die Befähigung, auch menschliche Freundschaften in größtmöglicher Fülle zu leben.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
friendship spirituality
Schlagwörter
(Deutsch)
Freundschaft Gottesfreundschaft Spiritualität
Autor*innen
Andreas Schmidt
Haupttitel (Deutsch)
Christus maxime amicus
Hauptuntertitel (Deutsch)
die Freundschaft mit Jesus als Kurzformel christlicher Existenz
Publikationsjahr
2010
Umfangsangabe
271 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Marianne Schlosser ,
Rudolf Prokschi
Klassifikation
11 Theologie > 11.70 Praktische Theologie: Allgemeines
AC Nummer
AC08246379
Utheses ID
9279
Studienkennzahl
UA | 080 | 011 | |
