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Donauweibchen küssen besser
Karl Friedrich Henslers romantisch-komisches Volksmärchen als Spiegel der Gesellschaft an der Wende zum 19. Jahrhundert
Anita Aichinger
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Wynfried Kriegleder
DOI
10.25365/thesis.10407
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29454.56651.214259-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Zu allen Zeiten und an allen Orten tauchen sie aus dem Wasser auf: Nymphen, Nereiden, Nixen, Meerjungfrauen, Meeresungeheuer, etc. Als Archetyp sind sie in unser kollektives Unterbewusstsein eingebrannt und verhandeln als Symbol die Gegensätzlichkeiten Wasser – Land, Chaos – Ordnung, Mann – Frau, Zivilisation und Natur. Schon früh in der Menschheitsgeschichte wurde die Frau mit dem Wasser verbunden. Die lebensspendende und lebenszerstörende „Große Göttin“, die in ihren Eigenschaften eng mit dem Element verbunden war, war ein erster Versuch sich von der Natur abzugrenzen, der Naturgewalt Herr zu werden, indem man ihr einen Namen gab. Eng mit diesem Symbolkomplex assoziiert, waren die ersten Wasserfrauen Vogelfrauen, geleiteten die Menschen ins Totenreich und besaßen die Gabe der Vorausschau. Im Christentum kam es durch die angestrebte Verminderung der Macht der „Großen Göttin“ und zugunsten des patriarchalen Gottes zu einer damit einhergehenden Herabsetzung der Frau. Dieser Wandel zeigte sich auch in einer veränderten Gestalt der Wasserfrau. Sie wurde zur Fischfrau (Melusine und Undine) und ihre Nähe zur Natur wurde als ein Fluch betrachtet, von dem sie nur durch die Heirat mit einem Menschenmann erlöst werden konnte. Somit wurde der Grundstein zu einer scharfen Trennung von Natur und Geist gelegt. Man wandte sich gegen alles Körperliche, um sich endgültig vom Tierhaften abzugrenzen. Diese Entwicklung mündete schließlich in die Vernunftreligion der Aufklärung und die damit verbundene weitergetriebene Spaltung des Menschen, dem Dualismus, den wir heute in den verstärkt auftretenden ganzheitlichen Ansätzen vermehrt zu überwinden versuchen. Erste Bestrebungen zu dieser Überwindung der Spaltung in Körper und Verstand zeigten sich in der auf die Aufklärung folgenden Romantik, für die die gespaltenen Wasserfrauen – halb Tier, halb Mensch – zum äußerst produktiven Ausdruck ihrer Ideenwelt wurden. Man versuchte der durch die Industrialisierung und Technisierung hervorgerufenen Entfremdung von der Natur entgegenzuwirken. Es gelang jedoch nicht ganz. Der aufklärerisch-bürgerliche Ruf nach Sittlichkeit und Anstand hallte noch zu stark nach, und den gesellschaftlichen Kräften war die Sexualität, die die Spaltung des Menschen aufhebt, ihn zum Tier werden lässt, suspekt. Der subversive Charakter des Triebs gefährdet Produktivität und Kapitalanhäufung, die auf der Sublimierung der Triebkräfte beruhen, und somit wurden erotische und sinnliche Momente ins kollektive Unterbewusstsein verdrängt. Dennoch erschufen sie sich in der Kunst und ihren Nixendarstellungen ein Ventil, drangen in Form von Wasserfrauengeschichten an die Oberfläche der kollektiven Psyche. Die vom Bürgertum nicht gebilligten Triebe, der Wunsch nach Entgrenzung, der der bürgerlichen Forderung nach Ordnung diametral entgegenstand, wurde in der Phantasie mit den projizierten Frauengestalten ausgelebt. „Das Donauweibchen“ Karl Friedrich Henslers fungiert somit als Spiegel dieser Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Aus dem Spiegelbild lassen sich nicht nur die romanischen Sehnsüchte, sondern ebenso die noch immer wirksamen aufklärerischen Postulate der Besserung eines die Normen überschreitenden Helden herauslesen.
Hensler passte sich den Bedürfnissen der Zensur genauso an wie denen des Publikums, das sich angesichts der napoleonischen Bedrohung und der vielfältigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen verunsichert, liebend gerne in phantastische Welten flüchtete und sich mit Sprachwitz, Musik, Verwandlungen der Szenerie und aufwendigen Dekorationen unterhalten ließ. Die märchenhaften Elemente des Stückes, der Wechsel zwischen Realität und Phantasie und noch viele andere Aspekte des „Donauweibchens“ bilden die in dieser Zeit einsetzende romantische Bewegung ab, sowie die sich in dieser Zeit herausbildende Trivialliteratur-Handlungsschablone. Diese ließ in einer idealisierten mittelalterlichen Welt männliche Helden auf übernatürliche weibliche Gestalten treffen, die sie ver- und entführten, sodass sie die ihnen von der Gesellschaft versagten Sehnsüchte ausleben konnten, ohne sich in ihrem Bewusstsein dafür verantworten zu müssen. Je mehr die bürgerliche Öffentlichkeit Sexualität nur zu Fortpflanzungszwecken im Ehebett duldete und Lust lediglich geheim und andernorts ausgelebt werden konnte, umso mehr blühten Wasserfrauengeschichten in der literarischen Welt auf, in denen sich ein männlicher Ritter in narzisstischer Selbstbespiegelung in eine Projektion auf der Wasseroberfläche verliebte, ihr in den anderen Bereich, an einen jenseitigen „locus amoenus“ folgte und schließlich – nach der lustvollen Vereinigung – wieder in die Realität zurückkehrte. Da sich die Romantiker unbewusst die erfüllte Liebe versagten, jagten sie diesen Phantasiegestalten hinterher. In den Phantasien mit diesen „Bildern ihrer eigenen Seele“ konnten sie ihre Suche nach dem unendlichen Gefühl zumindest teilweise befriedigen, ohne eine real gelebte Liebe, die sowohl Kameradschaft wie die verbotenen Lustgefühle umfasst hätte, eingehen zu müssen. Seit damals hat sich wohl viel verändert und somit schwimmen die Meerjungfrauen meist entsemantisiert über die Kinofilmleinwand, dennoch bleiben sie nicht nur als Symbol aktiv, sondern stehen wohl auch weiterhin für Aspekte, deren Unterdrückung wir trotz aller gesellschaftlichen Umwälzung noch immer nicht ganz entkommen sind, bzw. deren Tabuisierung Gesellschaften, Ordnungen und Zivilisation durch die darin implizierte Tendenz zur Entgrenzung und Auflösung wohl nie ganz entgehen können.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Hensler Meerjungfrau Nixe Projektion Todessehnsucht Eros
Autor*innen
Anita Aichinger
Haupttitel (Deutsch)
Donauweibchen küssen besser
Hauptuntertitel (Deutsch)
Karl Friedrich Henslers romantisch-komisches Volksmärchen als Spiegel der Gesellschaft an der Wende zum 19. Jahrhundert
Publikationsjahr
2010
Umfangsangabe
138 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Wynfried Kriegleder
AC Nummer
AC08175411
Utheses ID
9400
Studienkennzahl
UA | 332 | | |
